Hunger
Body Book Club #5
Memoiren des Körpers – Roxane Gays “Hunger”
Roxane Gay hat mit „Hunger“ die Memoiren ihres Körpers geschrieben. Und sie macht schon auf den ersten Seiten deutlich, dass dies keine Erfolgsgeschichte ist. Kein Ratgeber. Es geht nicht darum, abzunehmen (mit einer schlanken Frau auf dem Cover, die aus übergroßen Hosen steigt) und es geht auch nicht darum, sich selbst zu lieben. Gay schreibt keine Erzählung der Erlösung. Sie schreibt eine widerspenstige Körpergeschichte – voller Widersprüche, Scham, Humor, Hunger und Gewalt.
Vorher/Nachher als Zäsur
Schon früh stellt sie dem allgegenwärtigen Bild von „Vorher“ und „Nachher“ etwas entgegen. Das „Vorher“ ist bei Gay nicht bloß eine Zahl auf der Waage oder ein vermeintlich falscher Körper. Es erzählt von dem Mädchen, das sie einmal war: ein „mädchenhaftes Mädchen“ in Kleidern und Röcken, das Bücher liebte, mit seinen Eltern häufig umzog und versuchte, seinen Platz in der Welt zu finden. Die Zäsur im Vorher/Nachher erzählt von dem Schrecklichen, das ihr angetan wurde. Mit zwölf Jahren wurde Roxane Gay vergewaltigt. Diese Gewalt, schreibt sie, habe sich ihrem Körper eingeschrieben. „Ich trage sie mit mir herum, jeden einzelnen Tag.“
Von diesem einschneidenden Erlebnis aus erzählt Gay ihr Verhältnis zu Essen, zu Schutz, zum Dicksein, zum Verschwinden in Kleidung. Ihren Weg durch zerrüttete Teenager und chaotische Studienjahre hin zu einer akademischen Karriere und einem Leben als gefeierte Autorin. In diesem Sinne ist Hunger dann vielleicht doch eine Erfolgsgeschichte – allerdings eine, die nie so tut, als ließen sich Wunden einfach heilen oder gesellschaftliche Gewalt durch individuelles Selbstbewusstsein überwinden.
Body Book Club
Gemeinsam lesen wir Texte, die sich mit der kulturellen Dimension von Körpern beschäftigen: mit Körperbildern, Schönheitsnormen, Begehren, Krankheit, Scham, Macht und Widerstand.
Wir treffen uns an jedem 3. Donnerstag im Monat um 18:30 Uhr im Videocall. Schreibt uns an hey@sickpeople.de.
Weitere Infos findet ihr unter Treffen auf unserer Website.
Zum Schreien komisch und kaum auszuhalten
Was dieses Buch so eindrücklich macht, ist die Art, wie Gay von der Grausamkeit der Welt erzählt, ohne dabei ihren Witz zu verlieren. Wenn sie etwa beschreibt, wie sie bei Planet Fitness von ihrem hühnerbrust-berauschten Trainer Tijay behandelt wird, ist das stellenweise zum Schreien komisch. Und dann folgen wieder Szenen, die kaum auszuhalten sind. Etwa wenn sie beim Kleiderkauf in einer Boutique für Übergrößen eine Mutter mit ihrer Tochter beobachtet. „So kann man nicht leben“, schreibt sie einmal, „aber so lebe ich.“
Immer wieder schildert Gay die alltäglichen Demütigungen eines dicken Körpers in einer Welt, die auf bestimmte Körper ausgerichtet ist. Vor jedem Restaurantbesuch recherchiert sie im Internet die Bestuhlung, um sicherzugehen, dass sie ohne Schmerzen sitzen kann und nicht mit blauen Flecken von Armlehnen nach Hause geht. Dabei zeigt sich, wie oft es im Alltag schlicht an Großzügigkeit und Rücksicht fehlt. Gay beschreibt etwa auch, warum Behindertentoiletten für dicke Menschen Schutzräume sein können – und zugleich die Beschämung, die entsteht, wenn sie diese Räume nutzt.
“Als ich anfing, Hunger zu schreiben, war ich mir sicher, das mir die Worte einfach zufliegen würden”, schreibt Roxane Gay. “Was konnte einfacher sein, als über den Körper zu schreiben, in dem ich seit 40 Jahren lebe?”
Verschwinden und Gesehen-Werden
Durch das ganze Buch zieht sich der Wunsch, gleichzeitig verschwinden und gesehen werden zu wollen. Gay sehnt sich danach, unsichtbar zu sein – und ist doch durch ihren Erfolg immer sichtbarer geworden. Damit wächst auch der Hass. Wenn sie in Fernsehsendungen auftritt, schreiben Menschen ihr Nachrichten, um ihr mitzuteilen, dass sie „fett oder hässlich oder fett und hässlich“ sei. Man sage ihr dann, sie solle das nicht ernst nehmen. Aber Gay widerspricht dieser beruhigenden Erzählung. Der Hass richtet sich ganz konkret gegen dicke Körper – insbesondere gegen die dicker Frauen in der Öffentlichkeit. „Mein Körper wird behandelt wie ein öffentlicher Ort“, schreibt sie. Gleichzeitig würden ihrem Körper an öffentlichen Orten Rücksicht und Respekt verweigert.
Dieses Leben als dicker Mensch in einer grausamen Welt, wie Gay es nennt, hat tiefe Narben hinterlassen. Und diese Narben, macht sie deutlich, würden nicht verschwinden, wenn sie eines Tages dünn aufwachen und auf einem Buchcover aus einer zu großen Hose steigen würde. Hunger widerspricht damit den einfachen Bildern von Vorher und Nachher, von Disziplin und Erlösung. Gay zeigt, dass ihr Körper mehr ist, als die Öffentlichkeit sieht. Hunger ist sinnlich, zerstörerisch, schonungslos, schön.
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