Im Wartezimmer mit Samson Grzybek
Max Balzer (Interview)
Noemi Hasler (Illustration)
Samson Grzybek arbeitet an der Schnittstelle von diskriminierungskritischer Bildungsarbeit, Gesundheitsversorgung und Onlinemarketing. 2021 gründete er Queermed – eine Organisation, die ein Verzeichnis für diskriminierungssensibel empfohlene Praxen und Kliniken anbietet, aber auch Bildungsarbeit, Events und vieles mehr. Im Gespräch geht es um inklusive Anamnesebögen, die Grenzen binärer Medizin – und darum, warum positive Empfehlungen politisch sein können.
Samson, wir kennen uns aus der Ausbildung zu Social-Justice-Trainer*innen. Wenn du auf diese Zeit zurückblickst: Was hat dich konkret begleitet – in deinem Engagement mit Blick auf den Gesundheitssektor?
Vor allem mein Verständnis dafür, wie Diskriminierung auf verschiedenen Ebenen funktioniert – und wie unterschiedlich sie sichtbar wird. Die Ausbildung hat mir noch einmal klarer gemacht: Es geht nicht nur darum, einzelne Personen anzusprechen oder „besseres Verhalten“ zu wünschen. Es geht darum, an Strukturen zu arbeiten, die Diskriminierung überhaupt erst möglich machen.
Das konnte ich nach der Ausbildung ganz konkret umsetzen: Ich habe mich auf die Aktualisierung eines Leitfadens zum sensibilisierten Umgang mit Patient*innen konzentriert. Dabei hat mir auch die „Social-Justice-Schwesternschaft“ geholfen. Das war nicht nur Perspektivarbeit, sondern auch fachliche Unterstützung: Wir haben Dinge nachgebessert, erweitert, hinterfragt – mit dem Anspruch, dass der Leitfaden für Praktizierende wirklich ein Tool ist, um die eigene Arbeit zu reflektieren und zu verbessern.
Du hast Queermed 2021 gegründet. Gab es einen Moment, der das ausgelöst hat?
Ich muss bei der Frage immer schmunzeln, weil viele so ein klares „Aha-Erlebnis“ erwarten. Ein bestimmtes Erlebnis, das alles verändert. Bei mir war es eher zweckgebunden: Ich habe jahrelang ehrenamtlich gearbeitet, aber nach meinem Wechsel ins Online-Marketing fehlte mir die Sinnhaftigkeit. Ich habe mich ausprobiert – und dann, im ersten Corona-Jahr, habe ich eher zufällig von einem ähnlichen Projekt in Österreich gehört. Da hat es Klick gemacht: Warum gibt es so etwas nicht in Deutschland?
Dann kam mein beruflicher Blick dazu: Wie „Bewertungslogiken“ im Internet funktionieren, inwiefern Plattformen käuflich sind – und wie häufig Patient*innen dabei nicht der Maßstab sind. Ich wollte eine Plattform, die orientiert an den Bedürfnissen von Patient*innen ist: sichtbar, niedrigschwellig, ohne Hürden.
Also hast du angefangen, selbst eine Website zu bauen?
Ja. Es war meine erste Website überhaupt. Ich habe monatelang daran gearbeitet: Wie kann ein Verzeichnis funktionieren? Warum nur positive Empfehlungen? Wie kann man es praktikabel halten? Und dann habe ich testweise Hochschulen, Beratungsstellen etc. angeschrieben – und gemerkt: Da ist eine riesige Leerstelle. Viele sagten: „So etwas wollten wir schon immer – aber es fehlten Ressourcen.“ Und dann wurde es immer größer und professioneller. Irgendwann war klar: Das soll auch gemeinnützig werden. Ich habe dabei gelernt, dass es neben dem Verein noch andere gemeinnützige Formen gibt – und plötzlich waren da Möglichkeiten, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte.
Wie würdest du Queermed einer Person erklären, die einfach nur eine Praxis sucht, in der respektvoll behandelt wird?
Der Kern ist das Verzeichnis. Es funktioniert so: Menschen, die eine positive Erfahrung im Gesundheitswesen gemacht haben – in einer Praxis, Klinik, bei einer Einzelperson – können diese Erfahrung über einen anonymen Fragebogen einreichen. Der ist ungefähr drei Seiten lang. Es geht um Basics (Ort, Fachbereich, Sprachen, Kasse/privat) – aber auch um Besuchsgründe und Schwerpunkte: von der hausärztlichen Praxis bis zur Trauma-Therapie, aber auch Physiotherapie, Pflege, Hospiz, ADHS, Autismus, Ängste, Persönlichkeitsstörungen.
Dann gibt es Fragen zum Umgang: Wurde zugehört? Wurde auf Kritik eingegangen? Und einen großen Block zur Barrierefreiheit – nicht nur „rollstuhlgerecht“, sondern auch Aufzug, Stufen, Rampen, Orientierungshilfen, Gebärdensprache, Assistenzhunde, Luftreinigungssysteme usw.
Am Ende wird gefragt: Für welche Personengruppen möchte ich die Empfehlung aussprechen? Inzwischen sind das 30–40 Gruppen. Und es wird kontinuierlich ergänzt.
Und dann kann ich filtern?
Genau. Du kannst z. B. suchen: „Gyn-Praxis in Freiburg, Französisch, Rampe, Endometriose, ADHS – und ich bin chronisch krank/HIV-positiv.“ Wenn es dazu Empfehlungen gibt, bekommst du die Infos, und dann vereinbarst du selbst den Termin.
Warum nur positive Empfehlungen?
Das hat einen rechtlichen Hintergrund: Negative Empfehlungen werden schnell heikel – und ich hatte weder Kapazität noch Geld für Klagerisiken. Aber es gibt auch eine inhaltliche Ebene: Viele fragen nach „Warnlisten“. Ich verstehe den Impuls – aber ich frage mich auch: Mit welchem Bauchgefühl gehst du dann in die Versorgung? Ich wollte einen Ort, der sagt: Hier gibt es gute Erfahrungen. Das kann Hoffnung geben – auch, weil viele Menschen nach schlechten Erlebnissen jahrelang nicht mehr zur Behandlung gehen.
Anamnesebögen: „Wo Diskriminierung beginnt, ohne dass ein Wort gefallen ist“
Ihr stellt inklusive Anamnesebögen zur Verfügung. Warum ist dieses „Fragenstellen“ so zentral?
Weil Diskriminierung nicht erst beginnt, wenn jemand offen feindselig ist. Sie beginnt bei Formularen, bei Routinen, bei Bildern und Begriffen auf Websites. Ein Anamnesebogen ist oft das Erste, womit Menschen in einer neuen Praxis zu tun haben. Und da sieht man: Wer wird mitgedacht – und wer nicht?
Viele Bögen sind redundant, manche Fragen sind unnötig – und gleichzeitig fehlen Fragen, die für Menschen wichtig wären: etwa zu Angstpatient*innen in Zahnarztpraxen, zu sensiblen Umgangsbedarfen, zu Hormonen, zu Trauma, zu Sprache. Ich habe mich bei den Vorlagen daran orientiert, was Praxen selbst online bereitstellen.
Und dann kommt die zweite Ebene: Was passiert mit den Informationen? Werden sie digital übernommen? Wie gehen Praxisteam und Ärzt*innen damit um? Haben sie das Wissen, um Bedarfe einzuordnen – oder entstehen daraus Vorannahmen und Stigmata?
Diskriminierende Mechanismen in Arztpraxen sind z.B. durch das Forschungsprojekt „Positive Stimmen 2.0“ der Deutschen Aidshilfe belegt …
Ja, mit Blick auf Menschen, die HIV-positiv sind, gibt es bis heute krasse Geschichten, Markierte Akten, verweigerte Leistungen, Instrumente, die gesondert gereinigt werden – aus angeblicher Infektionsangst. Dabei widerspricht das Hygienestandards. Entweder Instrumente sind hygienisch gereinigt – oder nicht. Das zeigt, wie viel passieren kann, bevor überhaupt gesprochen wurde.
Samson Grzybek
(keine Pronomen) arbeitet an der Schnittstelle von diskriminierungskritischem Aktivismus, Schreiben und Organisationsaufbau. Nach dem Studium der Geschichte und Archäologie gründete Samson 2021 Queermed – eine Organisation, die sich für diskriminierungssensible Gesundheitsversorgung einsetzt. Queermed verbindet ein bundesweites Empfehlungsverzeichnis mit Beratung, Vorträgen und inklusiven Materialien. Als Autor*in und Podcaster*in widmet sich Samson queeren Gesundheitsrealitäten und Fragen von Trauer, Empathie und struktureller Diskriminierung.
Foto: Jana Rodenbusch
Gendermedizin: Wenn „Sensibilisierung“ wieder binär gedacht wird
Was geht verloren, wenn Geschlecht im medizinischen Kontext binär gedacht wird – selbst bei einem Label wie „Gendermedizin“?
Mein Eindruck ist: Die Medizin tut sich schwer damit, sich aus binären Denkstrukturen zu lösen. „Gendermedizin“ wird oft so behandelt, als ginge es nur um Cis-Frauen. Und ja: Frauengesundheit ist massiv unterversorgt – Endometriose ist ein gutes Beispiel. Aber gleichzeitig bleibt vieles unsichtbar, wenn das System weiter von der Norm ausgeht: weiß, nicht behindert, cis, hetero, männlich.
Das ist historisch gewachsen: Forschung wurde auf bestimmte Körper ausgerichtet, Studien haben Menschen mit Zyklus ausgeschlossen, weil es „zu kompliziert“ sei. Und Medizin hat selbst Diskriminierungsgeschichte produziert: Pathologisierung, Begriffe, Macht. Dazu kommen politische Brüche – wie das Beispiel der Zerstörung von Forschung im NS-Regime zeigt, zum Beispiel mit Blick auf das Institut für Sexualwissenschaft, das von Magnus Hirschfeld gegründet wurde. Wenn Wissen vernichtet wird, verliert Gesellschaft Jahrzehnte.
Und: Medizin ist kein abgeschlossenes System. Gesellschaft, Politik, Förderung, Medien – all das entscheidet, was „relevant“ wird.
Medienbilder: „Warum erzählen wir immer dieselbe Geschichte?“
Mir fällt auf, wie oft Menschen mit chronischer Erkrankung oder Behinderung medial auf medizinische Kategorien reduziert werden. Wie kriegen wir andere Erzählweisen – und andere Bilder?
Medienschaffende müssen kreativer werden in den Geschichten, die sie erzählen. Wir reproduzieren ständig dieselben Bilder, weil sie „funktionieren“ – weil sie schnell erkannt werden. Aber genau das ist das Problem: Unser Kopf hat diese Muster so oft gesehen, dass bestimmte Worte sofort bestimmte Bilder auslösen.
Und Medienlogiken haben sich verschärft: weniger Geld, weniger Ressourcen, mehr Clickbait. Gleichzeitig verschwimmen Grenzen: Influencer*innen werden zu „Journalist*innen“ – aber Journalismus ist kein geschützter Begriff. Das macht es schwer, Standards zu sichern.
Und dann kommt noch ein Punkt: Diversität wird kapitalisiert. Es gibt eine Art „Diversitäts-Bingo“: eine nicht-weiße Person, eine Person im Rollstuhl – und fertig. Aber punktuelle Repräsentation auf Bühnen und Bildern ersetzt keine strukturelle Veränderung.
In den letzten Monaten erleben wir Debatten über Teilzeit oder telefonische Krankschreibung, oft mit moralischem Leistungsdruck. Was macht das mit dem Klima – auch im Gesundheitswesen?
Das ist Spaltung. Es wird eine Gruppe konstruiert, die „schlecht“ sein soll: die Faulen, die Nicht-Loyalen, die „nicht genug leisten“. Vor ein paar Monaten waren es Bürgergeld-Empfänger*innen, dann wieder andere. Das ist ein alter Mechanismus: Teilen und herrschen.
Und es trifft genau die, die Care-Arbeit leisten, krank sind, chronisch erschöpft – oder einfach selbstbestimmt weniger arbeiten wollen. Dieses Narrativ schiebt alles zurück aufs Individuum: „Beweis erst, dass du nicht kannst.“ Dabei sollten wir fragen: Warum müssen so viele Menschen überhaupt mehr arbeiten, um zu überleben? Mindestlohn, prekäre Verhältnisse, fehlende Absicherung – das ist strukturell.
Und ja: Solche Narrative sickern in Praxen und Kliniken. Krankheit wird moralisiert. Care wird problematisiert. Und am Ende heißt es wieder: Der einzelne Körper ist das Problem – nicht das System.
Du hast mir in unserem Vorgespräch erzählt, dass du einen Buchvertrag unterschrieben hast. Woran arbeitest du gerade?
An einem Buch über Trauer. Es soll hinterfragen, worüber wir trauern, worüber wir zu wenig trauern – und wie wir Trauer verlernt haben. Es wird kein „Ratgeber“ mit schnellen Schritten. Es wird weh tun, unangenehm sein. Aber genau das ist mir wichtig. Trauer kann schwer sein – und schön.
Samson, vielen Dank für das Gespräch.
Dieses Interview ist zuerst unter dem Titel “Krankheit wird moralisiert” im Onlinemagazin Die Neue Norm erschienen. Vielen Dank an das Team des Sozialheld*innen für die Unterstützung.