Gerechtigkeit
Please don’t hold the line.
Kommentar: Max Balzer
Ich werde mich mein Leben lang an diesen Facharzttermin erinnern – am 20. August 2025 – und das, obwohl ich ihn nicht wahrnehmen konnte. Meine Tochter kam zur Welt. In den folgenden Wochen habe ich 38-mal bei besagtem Arzt angerufen. Der Termin war wichtig, also drückte ich brav die Zwei – „wenn Sie gesetzlich versichert sind" – und ließ die Warteschleife mitlaufen. Einmal wartete ich eine dreiviertel Stunde, bis das Gedudel abbrach. Endlich, es klingelte! Fünfmal, dann legte jemand in der Praxis auf.
Beim 38. Mal drückte ich also die Eins. Es klingelte zweimal – und eine freundliche Frauenstimme begrüßte mich in der „Privatsprechstunde". Nachdem ich ihr die Dringlichkeit meines Anrufs vermittelt hatte, versprach sie, den Kolleginnen „einen Zettel hinzulegen". So kam ich zu meinem Termin.
Gesundheitstarif für Bürgergeld-Beziehende?
Ich erzähle all das, weil Johannes Winkel, Vorsitzender der Jungen Union, einen Gesundheitstarif für Bürgergeldbeziehende gefordert hat, der nur in akuten Notfällen greifen soll. Statt der Zwei-Klassen-Medizin, die wir haben, also eine Drei-Klassen-Medizin. Der Grund: das „Gerechtigkeitsempfinden" der gesetzlich Versicherten. Schließlich hätten die meisten Bürgergeldbeziehenden „noch nicht mal einen deutschen Pass", so Winkel.
Dabei gibt es die Drei-Klassen-Medizin längst. Wer kein Geld hat, um sich als „Selbstzahler" einen Termin zu kaufen, nicht die Kraft, sich 38-mal durch dieselbe Warteschleife zu drehen, oder nicht die Deutschkenntnisse, um die Privat-MFAs zu bequatschen, hat vielerorts schon heute schlechte Karten. Das trifft überproportional Menschen mit Zuwanderungsgeschichte und niedrigem Einkommen. Wer in Deutschland arm ist, lebt häufiger mit chronischen Erkrankungen und stirbt statistisch früher.
“Strafgebühr auf Krankheit”
Die Gesundheitsreform, die inzwischen als Kabinettsbeschluss vorliegt, vertieft diese Ungleichheit weiter. Die bisherigen Zuzahlungen bei Medikamenten sollen von fünf bis zehn Euro auf 7,50 bis 15 Euro angehoben werden. Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK, nennt das eine „Strafgebühr auf Krankheit": Wer sehr wenig habe, überlege sich künftig zweimal, ob er sich ein Medikament noch leisten könne. Die Folgen seien absehbar – Therapieabbrüche, verschleppte Krankheiten, am Ende höhere Kosten für alle.
Aber es soll ja um das Gerechtigkeitsempfinden gesetzlich Versicherter gehen. Was also fühlte sich für mich als chronisch kranken Beitragszahler gerecht an? Wie wäre es, wenn endlich eine Bürgerversicherung käme, statt Menschen mit wenig Geld weiter zu benachteiligen? Wenn wir alle in der Arztpraxis anrufen und die Eins drücken könnten – und irgendwann tatsächlich jemand abhebt. Vielleicht müssten wir alle etwas Zeit in der Warteschleife verbringen – auch Menschen, die heute privat versichert sind. Aber je nachdem, wie dringend es ist, bekämen wir einen Termin.
Wählt die Eins!
Das entspricht auch deinem Gerechtigkeitsempfinden? Vielleicht sollte mal jemand Johannes Winkel einen Zettel hinlegen.