Im Wartezimmer mit Annekathrin Walther

Max Balzer (Interview)
Noemi Hasler (Illustration)

Annekathrin Walther wuchs an der Nordsee auf. Nach ihrem Studium der Literaturwissenschaft und Anglistik arbeitete sie am Berliner Ensemble, machte sich 2013 als Autorin und Dramaturgin selbstständig und gründete ein freies Theaterensemble. Heute lebt sie in Berlin – und ist Mitbegründerin und Redakteurin von KRANK – Das Magazin, einem Online-Magazin für Literatur, Kunst und Audioarbeiten rund um Körper, Krankheit, Gesundheit und Behinderung.


Du bist Mitbegründerin und Redakteurin von KRANK – Das Magazin. Wie würdest du selbst beschreiben, was ihr macht – und welche Lücke ihr schließt?

Annekathrin Walther: Am Anfang war das ein ganz klarer Anspruch: Wir wollten etwas machen, das es im deutschsprachigen Raum so noch nicht gab. Ich war inspiriert vom englischsprachigen Raum. Ich habe in Berlin in einem Zeitschriftenladen ein britisches Printmagazin entdeckt, das sich künstlerisch mit chronischer Krankheit und Behinderung beschäftigt: Sick. Ich habe es durchgeblättert und gedacht: Warum gibt es so etwas nicht auch hier?

Und dann war relativ schnell klar: Wir wollen ein Kunstmagazin sein – mit einem thematischen Fokus auf Krankheit, Behinderung, Körper und Gesundheit. Und wir haben das absichtlich sehr weit gefasst, um möglichst viele Formen und Perspektiven abzubilden: Texte, visuelle Kunst, Audioarbeiten.

Warum ein Online-Magazin – und nicht eine klassische Printanthologie?

Vor allem, weil wir Audio von Anfang an mitdenken wollten. Auch als Aspekt von Barrierefreiheit. Uns war wichtig, nicht nur den visuellen Sinn anzusprechen – sondern mindestens noch einen weiteren. Und das Internet macht das möglich. Ein Online-Magazin kann eben Text, Bild und Ton zusammenbringen.

Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass gerade super viel entsteht in dem Bereich. Es kommen mehr Projekte, mehr Stimmen, mehr Formate. KRANK füllt eine Lücke – aber es ist auch Teil einer Bewegung, die größer wird.

Warum beschäftigt ihr euch kulturell mit Krankheit – und nicht medizinisch oder als Ratgeber?

Weil der medizinische Blick sehr viel Raum hat. Davon gibt es wahnsinnig viel. Uns interessiert eher: Welche Erfahrungen machen Menschen – und wie werden diese Erfahrungen künstlerisch umgesetzt? Welche Entscheidungen treffen Menschen, wenn sie eine Krankheitserfahrung abbilden? Was wird gezeigt, was wird ausgelassen, welche Form wird gewählt?

Wir sprechen im Team oft von Kunst als „Kraftfeld“. Das klingt vielleicht erstmal groß, aber es trifft ziemlich gut, was wir meinen. Kunst ist ein Feld, in dem Menschen ihre Realität sortieren, verarbeiten, neu erzählen können. Für mich persönlich gilt das auch. Schreiben hilft mir, Dinge nicht nur zu beschreiben, sondern ihnen eine andere Perspektive zu geben. Was kann ich damit machen? Wie kann ich das erzählen? Und warum habe ich mich genau dafür entschieden – und nicht für etwas anderes?

Krankheit wird oft als Ausnahmezustand mit Heilungsperspektive erzählt. Chronische Krankheit unterläuft diesen Gegensatz?

Ja! Wir brauchen mehr Geschichten. Mehr Berichte darüber, wie solche Leben funktionieren. Ohne die Erzählung: Diagnose, Krise, Überwindung, Happy End. Chronische Krankheit hat häufig keine klassische Heilungsperspektive. Und wenn das Narrativ fehlt, dann ist es schwer, die Realität zu akzeptieren.

Unser Gedanke war deshalb auch, dass KRANK auch ein Archiv sein kann. Ein Ort, auf den Menschen zurückgreifen können, wenn sie genau diese Art von Geschichten suchen. Nicht als Sonderfall, nicht als moralische Held*innenreise, sondern als Leben.

Und ja: Medizin ist wichtig. Ich habe persönlich nichts gegen Schulmedizin. Die Wissenschaft hat mir viel geholfen. Aber ich sehe sie als einen Aspekt unter mehreren. Wenn ich mein Leben so gestalten will, dass es sich für mich gut anfühlt, dann reicht es nicht, Medikamente zu nehmen und alle drei Monate sieben Minuten beim Arzt zu sitzen. Den Rest des Jahres bin ich allein und muss klarkommen. Dafür brauche ich eigene Rituale, eigene künstlerische Formen, eigene Erzählungen, die diese Spannung aushalten.

Du hast von KRANK als Kraftfeld gesprochen. Gab es einen Beitrag, der für dich exemplarisch zeigt, was damit gemeint ist?

Ja, ein Beitrag aus der letzten Ausgabe hat mich besonders berührt. „Fallen“, eine Fotostrecke eines Mutter-Tochter-Duos, Katrin und Felicitas Woelger. Zuerst kam nur die Bildserie, ohne Text. Auf den Fotos liegt eine Person im öffentlichen Raum – auf einer Wiese, auf einer Einfahrt. Wir waren irritiert. Wir wussten nicht: Was ist das? Was bedeutet das?

Dann haben wir nachgefragt, und die Mutter hat einen Text geschrieben. Ihre Tochter ist behindert. Felicitas kann nicht hören, nur sehr eingeschränkt sehen und hat Schwierigkeiten, sich auszudrücken. In Situationen völliger Überforderung legt sie sich auf den Boden. Felicitas „stellt sich tot“. Das ist ihre Schutzform: sich komplett rausnehmen. Und die Mutter hat irgendwann angefangen, diese Situationen zu fotografieren.

Als ich das verstanden habe, hat sich alles verschoben. Dieses scheinbar Wehrlose wurde plötzlich zu einem Akt des Widerstands. Zu Agency. Und zu einer gemeinsamen künstlerischen Praxis der beiden.

Du hast ein Theaterensemble gegründet und als Dramaturgin gearbeitet. Was konntest du aus dieser körperlichen Kunstform mitnehmen?

Spannenderweise fast nichts in Bezug auf Krankheit. Ich war zu dieser Zeit von meiner Erkrankung komplett abgegrenzt war. Rückblickend denke ich manchmal: Warum hast du dazu nicht gearbeitet? Aber ich war einfach noch nicht an diesem Punkt.

Und zugleich war Theater für mich eine sehr ausbeuterische Welt. Zumindest so, wie ich sie erlebt habe. Du musst fit genug sein, dass eine 60-Stunden-Woche kein Problem ist. Du musst psychisch so stabil sein, dass es nichts macht, wenn du ständig angeschrien wirst. Das ist ein System, das auf bestimmte Körper und bestimmte Belastbarkeiten ausgelegt ist.

Der Blick auf den Körper kam später, als ich meine Krankheit annehmen konnte. Als ich angefangen habe, darüber zu schreiben. Aus dieser Beschäftigung ist auch das Magazin entstanden.

Schreiben & chronisch Kranksein (Online)

Offene Gruppe mit Annekathrin Walther für Schreibende mit chronischer Krankheit – egal, ob veröffentlicht oder nicht. Einmal monatlich: Schreiben, Reden, Teilen (wer mag). Kamera an oder aus nach Bedarf.

Nächster Termin: 29.04.2026 · 19 Uhr

Anmeldung: praxis@krank-dasmagazin.de


Wenn du zurückschaust: Konntest du an Uni oder in Institutionen offen mit deiner Erkrankung umgehen?

Es gab dafür keinen Ort. Vielleicht gab es irgendwo Beratungsstellen, aber ich habe nichts davon gewusst. Und ich glaube, ich hätte als junge Erwachsene meinen Unterstützungsbedarf auch gar nicht formulieren können.

Ich war sehr jung bei der Diagnose. Und ich wollte jung sein. Kranksein war für mich verbunden mit Altsein, mit Anderssein. Und ich wollte einfach 18 sein, nach Berlin ziehen und Party machen. Das habe ich auch gemacht, aber es tat mir oft nicht gut. Gleichzeitig gab es Phasen im Krankenhaus, Phasen zuhause. Depressionen. Das waren zwei Welten – innen und außen, krank und gesund.

Es hat Jahre gebraucht, dass sich diese Welten übereinander schieben konnten. Heute gibt es für mich persönlich dieses Entweder-Oder nicht mehr.

Und ja, Sichtbarkeit spielt dabei eine Rolle. Wenn ich im Rollstuhl gesessen hätte, hätte mir vielleicht jemand gesagt: „Hier ist eine Anlaufstelle.“ Aber auf Menschen, die eine unsichtbare Behinderung oder chronische Erkrankung haben, sind nur wenige Beratungsangebote zugeschnitten. Und diese Angebote waren offenbar nicht sichtbar genug.

Das hat auch mit stereotypen Bilder und Erzählungen im Gesundheitssektor zu tun. Was beobachtest du da?

Ich bekomme Magazine von großen Verbänden, da geht es viel um „Neues aus der Forschung“. Neue Medikamente, neue Therapien. Das hat seinen Wert. Aber die Bildsprache ist oft unangemessen: Eine Person sitzt im Rollstuhl, alle anderen stehen drum herum. Überall schwingt dieses „Trotzdem“ mit: „trotzdem ein erfülltes Leben“. Und damit wird zementiert, dass „krank“ eigentlich nicht Teil eines erfüllten Lebens sein darf.

Ich glaube, Medizin ist häufig sehr stolz auf Technik, auf Geräte. Ich war in Paris in einem medizinhistorischen Museum – da liegen Reflexhammer, Spatel und andere Metallgeräte in Vitrinen. Und ich dachte: Was nehme ich daraus mit? Für mich ist Medizin heute eher diese kurze, wiederkehrende Begegnung. Die sieben Minuten beim Neurologen. Rezept abholen, „bis in drei Monaten“. Dieser Kontakt ist entscheidend. Und gleichzeitig gibt es so viele Barrieren im System. Wer nicht die Ressourcen hat, hartnäckig zu sein, fällt leicht durchs Raster.

Manchmal ist das ganz banal: Mein Neurologe sitzt im ersten Stock. Und ich denke jedes Mal: Was, wenn ich irgendwann nicht mehr laufen kann? Dann komme ich da nicht hoch. Das sind Entscheidungen, keine Naturgesetze.

Wo steht ihr mit KRANK beim Thema Barrierefreiheit – und wo merkt ihr Grenzen?

Wir sind noch nicht da, wo ich gern wäre. Aber wir lernen.

Ein konkretes Learning war tatsächlich die Farbgebung unserer Website. Wir haben gemerkt, dass der Kontrast für viele Menschen nicht ausreicht. Also haben wir einen Kontrast-Button gebaut, damit man auf ein kontrastreicheres Farbschema wechseln kann. Wir haben bewusst nicht einfach alles auf maximalen Kontrast gestellt. Wir wollten sichtbar machen: Das ist eine Website, die sich mit Barrierefreiheit auseinandersetzt.

Was wir als Mindeststandard sehen: mehr als einen Sinn ansprechen. Texte sollen auch hörbar sein. Bilder sollen beschrieben sein, sodass man sie hören kann. Und wir achten darauf, Überschriften technisch korrekt zu setzen, damit Screenreader besser funktionieren. Es sind oft einfache Schritte – aber sie machen enorm viel aus.

Ich finde wichtig, dass Perfektion nicht die Eintrittskarte ist. Viele machen gar nichts, weil sie denken: Wenn ich’s nicht perfekt hinkriege, lasse ich es. Mein Standpunkt ist eher: Lasst uns anfangen und dazulernen.

Du hast über Lebensläufe gesprochen. In unseren Bewerbungen und Kurzbiografien bleibt Krankheit in der Regel ebenfalls unsichtbar. Wie gehst du damit um?

Lebenslauf ist ein komischer Ort. Da steht super viel, aber dass ich krank bin, nicht. Inzwischen vielleicht indirekt, weil Krankheit Teil meiner Arbeit geworden ist. Und trotzdem zucke ich manchmal noch zurück: Verbaue ich mir etwas, wenn ich das reinschreibe? Markiere ich mich? Ja, das tue ich. Aber inzwischen denke ich: Wenn jemand mich deswegen nicht will, dann passen wir sowieso nicht zusammen.

Gleichzeitig will ich auf keinen Fall, dass Krankheit Pflichtangabe wird. Das wäre natürlich furchtbar. Aufbrechen lässt sich das nicht durch den einzelnen Lebenslauf. Aufbrechen lässt es sich nur gemeinsam – über Projekte, über Räume, über viele Stimmen. KRANK ist für mich so ein Versuch: Eine kulturelle Form, die trägt, was ansonsten in Institutionenlogiken keinen Platz hätte.

Ihr habt für euer Magazin zu Beginn eine Förderung bekommen. Jetzt macht ihr viel aus persönlichem Engagement. Was treibt euch an?

Unser größter Wunsch ist: Menschen bezahlen, die bei uns veröffentlichen. Bisher konnten wir das nicht, und das ist uns wirklich ein Dorn im Auge. Gleichzeitig stecken wir natürlich persönlich auch viel Zeit, Energie und Sachkosten in das Magazin. Deshalb schauen wir uns gerade in der Förderlandschaft um.

Sehr am Herzen liegt uns außerdem der Zusammenschluss mit anderen Menschen, mit anderen Projekten. Sich gegenseitig inspirieren, Wissen teilen, das Geflecht größer werden lassen. Und ich wünsche mir, dass wir die Kuration stärker öffnen: Dass nicht immer wir fünf entscheiden, was erscheint. Wir halten den Raum – aber wer ihn kuratiert, muss nicht immer dieselbe Gruppe sein. Wir könnten einander anstecken.

Annekathrin, vielen Dank für das Gespräch!



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