Disability Aesthetics
Body Book Club #4
Zerlesene Erkenntnis – Tobin Siebers' Disability Aesthetics
Es gibt Bücher, die begleiten einen. Und es gibt Bücher, die uns mit sich schleifen. Tobin Siebers' Disability Aesthetics gehört zur zweiten Sorte. Das Buch hat mich inspiriert, manchmal zum Lachen gebracht, gelegentlich verstört. Es steckt voller Zettelchen, Ungereimtheiten, Fragezeichen, Notizen. Ein mitgenommenes Buch. Allein die Abbildungen, die einem zwischen den Kapiteln entgegenleuchten – Arno Brekers Bronzekitsch, die zerbrechlichen Kokons einer Judith Scott, eine farbenfrohe Venus von Milo.
Ästhetik als körperliche Erfahrung
Siebers knüpft an Alexander Baumgarten an, der die Ästhetik als philosophische Disziplin in der Moderne begründete. Seine These: Ästhetik sei eine körperliche Erfahrung – ein Wissen darüber, wie sich Körper in der Gegenwart anderer Körper fühlen. Damit setzt Siebers dem vermeintlich neutralen ästhetischen Urteil, dem „interesselosen Wohlgefallen", eine Perspektive entgegen, die Ästhetik als ein zutiefst politisches Urteil beschreibt. Ob wir wahrgenommen werden oder andere wahrnehmen – wir sind befangen. Ästhetik, schreibt Siebers, sei der Bereich, in dem das Gefühl ein anderer zu sein, besonders intensiv erfahren wird: fremd, befremdlich, beängstigend.
Zwischen den Kapiteln leuchten Abbildungen auf. Hier: René Magrittes farbenfroh bemalte Venus von Milo.
Behinderung aus kunsthistorischer Perspektive
Siebers' Projekt ist ambitioniert. Es geht ihm nicht nur darum, Ästhetik neu zu definieren, sondern auch darum, den Begriff der Behinderung aus kunsthistorischer Perspektive neu zu denken – und gleichzeitig über diese hinauszugehen. Er beschäftigt sich mit dem Schönen und dem Subversiven, mit „entarteter Kunst" und disqualifizierten Körpern, mit Cultural Theory und Vandalismus. Dabei zeigt er immer wieder, wie eng ästhetische Kategorien und soziale Wertungen miteinander verflochten sind.
Siebers arbeitet mit konkreten Beispielen, etwa mit Künstlerinnen wie Judith Scott oder dem Werk Paul McCarthys. Er analysiert aber auch Alltagsästhetiken, etwa die „medical mug shots" von Spendenkampagnen. Bilder, die Hilfebedürftigkeit symbolisieren und Mitleid mobilisieren sollen, dabei aber eine Ästhetik menschlicher Abwertung stabilisieren. Solche Bildpolitiken legt er mit analytischer Schärfe frei.
Wem wird Genie zugestanden? Die zerbrechlichen Kokons einer Judith Scott.
Ästhetik als politische Auseinandersetzung
Was das Buch besonders lesenswert macht, ist, dass Siebers dabei nie den Blick für die Komik verliert, die in diesen einfältigen Menschenbildern steckt. Etwa wenn er auf die US-amerikanische Einwanderungspolitik des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts verweist: Menschen wurden von der Einreise ausgeschlossen, weil sie arm waren oder krank, weil sie standardisierte Tests nicht bestanden. Dass ein Großteil der bereits ansässigen Bevölkerung dieselben Tests nicht bestanden hätte, ebenfalls arm und krank war, wurde nicht als Widerspruch empfunden. Behinderung dient als Rechtfertigung, so Siebers, um Minderheiten aufgrund ihrer vermeintlichen Minderwertigkeit zu unterdrücken. Landes- und Körpergrenzen verschränken und verstärken einander.
Die Widersprüchlichkeit und Vielfalt, die viele Menschen in ihren eigenen Körpern erleben, wird durch diese wirkmächtigen Ästhetiken geglättet oder disqualifiziert. Siebers' Verdienst ist es, diese Mechanismen sichtbar zu machen – und die Ästhetik selbst als Ort des Konflikts, der Verletzbarkeit und der politischen Auseinandersetzung zu begreifen. Wenn Behinderung als Negativ sichtbar wird, beginne das körperliche Leiden erst, so Siebers. „Körperliche Beeinträchtigungen und Verletzungen mögen schmerzhaft sein, aber für Menschen sind soziale Verletzungen schmerzhafter.“ Ein Buch, das mitnimmt.
Weiterlesen
Tobin Siebers: Disability Theory • Naomi Schor: Reading in Detail: Aesthetics and the Feminine• Douglas C. Baynton: Disability and the Justification of Inequality in America • Junot Diaz: Drown
Tobin Siebers: „Disability Aesthetics" ist 2010 bei University of Michigan Press erschienen. Eine Sammlung von Essays, auf denen „Disability Aesthetics" beruht, ist im Deutschen unter dem Titel „Zerbrochene Schönheit" 2009 im Transcript Verlag erschienen, übersetzt aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf und Gabriele Werbeck.
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